Warum gibt es eine Kapelle in der Neuen Landschaft? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Denn eine Geschichte der Gedächtniskapelle ist zugleich eine Geschichte des Uranerzbergbaus und dessen regionalen Auswirkungen. Im Zentrum der Hörstation stehen vor allem die Menschen vor Ort, die Umwelt, in der sie lebten, aber auch die Umweltbewegung, die sich den Auswirkungen des Bergbaus kritisch gegenüberstellte. In der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Gedächtniskapelle stellen sich Fragen nach dem Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und sich selbst.
Intro schon gehört?
Sie möchten wissen, welche Geschichte hinter dem WALK steckt und wie Sie ihn bedienen können? Hier können Sie sich eine Einführung anhören und danach zur Station zurückkehren.
Bereits von weitem ist das kleine Gebäude mit seinem spitz zulaufenden Holzdach erkennbar. An einer erhöhten Stelle gelegen, thront die Kapelle förmlich über dem Gessental. Die „Gedächtniskapelle“ ist ein Ort der religiösen Andacht. Ohne Uranerz würde es sie hier gar nicht geben: Ihre Entstehungsgeschichte ist eng mit der Geschichte des Uranerzbergbaus in Ronneburg und dessen Auswirkungen auf die Region verknüpft. Im Zentrum des Gedenkens stehen vor allem die Menschen, die mit dem Bergbau und in einer von Bergbau geprägten Umgebung lebten oder in der Uranförderung und -aufbereitung tätig waren.
Weshalb erinnert hier in der Neuen Landschaft ausgerechnet eine Kapelle daran?
Und was hat die Umweltbewegung der DDR damit zu tun?
Diesen und weiteren Fragen gehen wir in der folgenden Hörstation nach.
1953. In diesem Jahr wurde in Ronneburg damit begonnen, Uranerz zu fördern. Mit überdurchschnittlich hohen Löhnen, zusätzlicher Lebensmittelversorgung und Prämiensystem bot die Wismut vielen Menschen und ihren Familien eine Perspektive für ein besseres Leben. Lange war sie der größte Arbeitgeber der Region, mit dem sich viele Bergleute identifizierten.
Gehen Sie in die Kapelle hinein. Achten Sie dabei auf das Zitat über dem Eingang. Es weist darauf hin, dass der Uranerzbergbaus auch Schattenseiten hatte. Ein weiteres Zitat von Frank Lange, einem Mitglied der Bürgerinitiative „Kirchlicher Umweltkreis Ronneburg“, bringt diesen Aspekt auf den Punkt:
"Wismut war nicht nur Legende und Leidenschaft, Wismut brachte auch schmerzhaften Tod in Einsamkeit und Verzweiflung in den Familien." (Frank Lange)
Die Arbeit im Bergbau war hart und risikobehaftet. Zwar verdienten die Bergleute überdurchschnittlich gut – einige von ihnen bezahlten dafür früher oder später aber mit ihrer Gesundheit oder gar ihrem Leben. Je nach Einsatzbereich waren die Arbeiter einer hohen Staub- und Strahlenbelastung durch Radongas ausgesetzt und erkrankten an Quarzsilikose und Lungenkrebs. Darunter litten auch ihre Familien.
Konsequenzen hatte der Abbau von Uranerz auch für die Orte Schmirchau und Lichtenberg. Hier an der Gedächtniskapelle befinden Sie sich unweit des ehemaligen Ortsgebiets von Schmirchau. Wie auch der Ort Gessen mussten Schmirchau und Lichtenberg dem Bergbau weichen.
Für die sowjetische Besatzungsmacht war Uranerz ein begehrter Rohstoff zur Herstellung von Brennstäben für Kernkraftwerke und Atomwaffen. Für die Bewohner der nun „verschwundenen“ Orte bedeutete es den Verlust ihres Zuhauses.
Über Jahre hinweg veränderte der Erzabbau die Umgebung von Ronneburg stark. Was zuvor in Richtung Gera eine Tallandschaft mit blühenden Wiesen und Bächen darstellte und zahlreiche Tiere beheimatete, wurde nun vornehmlich von Geröll, Gestein und Bergbaubetrieben geprägt. Schwerwiegende Auswirkungen der Erzförderung und -bearbeitung waren unabgedeckte Halden, die Verschmutzung von Gewässern, aufgewirbelter, zum Teil radioaktiver Staub aus Absetz- und Aufbereitungsanlagen sowie eine Kontamination des Bodens mit Schwermetallen. In den Stationen „Drachenschwanzbrücke“, „Gessenbach“ und „Zweifelsmühle“ erfahren Sie mehr über die Folgen des Bergbaus.
Der Uranerzbergbau stellte ein massives Problem für Mensch und Umwelt dar. Den verantwortlichen Politikern waren diese Gefahren bekannt, sie wurden aber vor der Öffentlichkeit geheim gehalten.
Dennoch regte sich Widerstand. In der Bevölkerung wuchsen nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 die Bedenken an der Atomkraft. Vertreter der evangelischen Kirche in der DDR sprachen sich daher bereits im selben Jahr für einen Ausbaustopp von Kernenergie aus. Durch die Unabhängigkeit der evangelischen Kirche von der SED wurde in den Kirchengemeinden öffentlicher Protest möglich. Es entstand eine Umweltbewegung, die auch in Ronneburg Fuß fasste. Um den Pfarrer Wolfram Hädicke gründete sich 1988 der Kirchliche Umweltkreis Ronneburg. Er setzte sich dafür ein, über die Folgen des Uranerzbergbaus in der Bevölkerung aufzuklären und die Umgebung von Ronneburg wieder „lebenswert“ zu machen. Zahlreiche Bürger wollten die Umweltschäden sowie die staatliche Informationspolitik nicht mehr hinnehmen.
Zeitgleich plante die SDAG Wismut bereits die Verringerung der nicht mehr rentablen Uranerzförderung. Schließlich kam das Ende jedoch schneller, als erwartet: Mit der Deutschen Wiedervereinigung wurde der Uranerzbergbau zum Jahresende 1990 eingestellt. Fortan waren die verursachten Umweltfolgen und ihre Sanierung Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland und der neu gegründeten Wismut GmbH.
Der Kirchliche Umweltkreis Ronneburg blieb als Bürgerinitiative bestehen und begleitete die Sanierung der Wismut in der Umgebung fortan kritisch. Aus dem Umfeld des Umweltkreises heraus wurde schließlich 2015 die aus Spenden finanzierte Gedächtniskapelle errichtet. Als „Ort des Erinnerns“ ist sie heute Ziel für Wanderungen und Ausflüge. Sie bietet ihren Besuchern Raum, den lokalen, teils nicht mehr sichtbaren Auswirkungen des Bergbaus zu gedenken.
Welche Auswirkungen hat unser Handeln in der Gegenwart auf unsere Zukunft? Welche Verantwortung tragen wir gegenüber nachfolgenden Generationen?
Die Umweltfolgen des Uranerzbergbaus in Ronneburg sind heute zwar zum Großteil saniert – vollkommen verschwunden sind sie jedoch nicht und bleiben eine Aufgabe für die Zukunft.
Das Erinnern an den Uranerzbergbau an diesem Ort des symbolischen Anfangs und Endes ermöglicht es, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichermaßen nachzudenken.
Welche Gedanken kommen Ihnen in diesem Moment? Wenn Sie möchten, nehmen Sie sich kurz Zeit, setzen Sie sich in die Kapelle und teilen Sie Ihre Gedanken in dem ausgelegten Besucherbuch.
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