Ronneburg mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken, doch die jĂŒngste Geschichte der Stadt ist tief mit dem Uranerzbergbau der Wismut nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden. Der Bergbau verĂ€nderte die Stadtlandschaft, die Infrastruktur und den Lebensalltag der Bewohner. Viele der Auswirkungen sind heute nicht mehr sichtbar, andere verblassen. In den Erinnerungen und ErzĂ€hlungen der Ronneburger ist die Bergbauzeit aber immer noch verankertâŠ
Intro schon gehört?
Sie möchten wissen, welche Geschichte hinter dem WALK steckt und wie Sie ihn bedienen können? Hier können Sie sich eine EinfĂŒhrung anhören und danach zur Station zurĂŒckkehren.
Auf den ersten Blick wirkt Ronneburg wie eine unscheinbare Kleinstadt in ThĂŒringen: Sie sehen den Marktplatz, das Rathaus, mehrere GeschĂ€fte, aber auch leerstehende GebĂ€ude.
Auf den zweiten Blick kann man verschiedene Zeitzeugnisse entdecken, die auf die lange, vielschichtige Vergangenheit der Stadt hinweisen. Und ganz Ronneburg ist voll davon:
Ăber dem Baderteich thront das Ronneburger Schloss. In ihm spiegelt sich die lange Geschichte der Stadt, die bis ins Mittelalter zurĂŒckreicht.
Nur wenige Meter daneben befindet sich die Bogenbinderhalle. Sie ist ein Industriedenkmal und steht fĂŒr die vielen ehemaligen Industriezweige der Stadt. FrĂŒher wurden hier Textilien, Schuhe, Möbel, Autos und sogar Schokolade produziert. Alles made in Ronneburg.
Ein weiteres AushÀngeschild der Stadt waren seine Heilquellen. Zahlreiche KurgÀste wurden von MineralbÀdern und Radonwasser angelockt. Heute erinnert ein Gedenkpavillon an der ehemaligen Urquelle an dieses Kapitel der Stadtgeschichte. Mehr dazu erfahren Sie an der Station "Gessenbach".
Gehen Sie einmal um das Rathaus herum. Sehen Sie das Buntglasfenster ĂŒber dem Treppenaufgang? Machen Sie sich auf die Suche und pausieren Sie solange den Audiowalk.
Das Fenster verweist auf ein weiteres Kapitel der Stadtgeschichte: Unter dem Stadtwappen Ronneburgs zeigt das Fenster ein riesiges Atom.
Nach dem Zweiten Weltkrieg dominierte lange Zeit der Bergbau das Leben in der Stadt. Aber warum gab es plötzlich Bergbau, obwohl Ronneburg doch zuvor gar keine Bergbautradition hatte? In der Nachkriegszeit wurden groĂe Uranerzvorkommen in der Umgebung der Stadt gefunden. 1953 begann die Sowjetunion unter dem Tarnnamen âWismutâ Uranerz in Ronneburg abzubauen. Im darauf folgenden Jahr grĂŒndete sich dann die SDAG Wismut mit Beteiligung der DDR. FĂŒr das Stadtbild Ronneburgs und den Alltag seiner Bewohner sollte die Uranerzförderung groĂe Folgen haben.
Der gewaltige Tagebau Lichtenberg reichte bis an den Rand der Stadt. Dort hob die Wismut tonnenweise Material aus. BohrtĂŒrme, Abbauanlagen und riesige Kegelhalden prĂ€gten das Bild der Umgebung.
Der Uranerzbergbau verÀnderte nicht nur die Umgebung Ronneburgs, sondern auch das Alltagsleben seiner Bewohner. Die Wismut wurde zum Hauptarbeitgeber der Region. In vielen Familien gab es mindestens eine Person, die bei der Wismut arbeitete.
Da viele Menschen nach Ronneburg zogen, um fĂŒr die Wismut zu arbeiten, wuchs die Stadt. Um Wohnraum fĂŒr die neuen ArbeitskrĂ€fte und ihre Familien zu schaffen, baute die Wismut Siedlungen. Eine dieser Siedlungen war die âNeue Weltâ in Ronneburg. Diese bot ihren Bewohnern verhĂ€ltnismĂ€Ăig gute Lebensbedingungen.
Die Wismut verbesserte aber nicht nur die Wohnsituation, sondern die gesamte Infrastruktur der Stadt. Das Gesundheitswesen wurde ausgebaut, Schulen eingerichtet und neue GeschĂ€fte eröffnet. Mit der "HO Wismut" besaĂ die Wismut eine eigene Handelsorganisation. Sie erleichterte den Zugang zu verschiedenen KonsumgĂŒtern, die in der restlichen DDR selten waren. Von Lichterketten, ĂŒber Autos, bis hin zu Orangen oder Bananen: Das alles gab es in Ronneburg. Jeder profitierte dabei von dieser neuen Infrastruktur, egal ob er Wismut-Angestellter war oder nicht.
Die Wismut machte sich aber auch anders im Alltag der Stadtbewohner bemerkbar. Obwohl der Bergbau vorwiegend am Stadtrand betrieben wurde, war er auch in der Stadt wahrnehmbar: Unterirdische und besonders oberirdische Sprengungen sorgten fĂŒr regelmĂ€Ăige ErschĂŒtterungen in den Wohnungen. Wolfgang Pohle lebte damals vor Ort; nach den Sprengungen konnte er wortwörtlich die Uhr stellen:
"Und ĂŒber Tage wurde auch gesprengt. Immer sonnabends 12 Uhr. Da sind hier in Ronneburg die Tassen in den Scheiben gehopst."Â (Wolfgang Pohle)
Das war aber nicht die einzige Folge des Bergbaus: Die SchĂ€chte unter Tage mussten belĂŒftet werden, um die hohe Temperatur im Stollen zu senken und gesundheitsschĂ€dliche Abgase entweichen zu lassen. Ăber sogenannte BewetterungsschĂ€chte gelangte diese warme, belastete Luft ĂŒber Tage. Dort kamen die Ronneburger mit ihr in Kontakt. Renate Pohle erinnert sich, dass die Luftaustritte fĂŒr Verunsicherung sorgten.
"Dann kam diese Luft von der Wismut und da sind wir immer vorbeigegangen und auch mal die HĂ€nde gewĂ€rmt. Und da hat mir mal jemand gesagt [...] Bleib mal hier nicht stehen, geht gleich vorbei" (Renate Pohle)Â
Wenn Ronneburger von den alltĂ€glichen spĂŒrbaren Konsequenzen des Bergbaus erzĂ€hlen, ist hĂ€ufig von Schlamm die Rede. Der entstandene Abraum wurde von Lastern aus dem Tagebau zu den Halden gebracht. Dabei musste er auch durch die Stadt transportiert werden. Die Laster hinterlieĂen Schlamm auf den StraĂen und es bildeten sich teilweise Teiche - mitten im Stadtgebiet. Durch diese mussten die Ronneburger waten. FĂŒr Herr Pohle gehörte der Schlamm zum Alltag.
"Die ganze Gegend war ja schmutzig. Entweder war Staub, wenn es trocken war oder es war Schlamm. Ein blaugrauer Schlamm, wie Suppe war das. Wir sahen immer aus wie Schweine"Â (Wolfgang Pohle)
Die Ronneburger fanden aber immer wieder Möglichkeiten, mit diesen UmweltverĂ€nderung umzugehen. In den 1980er Jahren war der Tagebau nicht mehr in Betrieb. WĂ€hrend unseren Recherchen berichteten uns Zeitzeugen, wie Schafe am Rande des stillgelegten Tagebaus gehalten wurden oder man dort von KirschbĂ€umen aĂ. Besonders ist die Beziehung der Ronneburger zu den sogenannten Spitzkegelhalden. Kennen Sie diese Halden?
Die kegelförmigen AufschĂŒttungen aus Abraum ragten weit in die Höhe. Dort sammelte man Pilze oder fuhr im Winter Schlitten. Die Spitzkegelhalden prĂ€gten das Stadtbild so sehr, dass sie eng mit Ronneburg verbunden waren. Wer von der Autobahn aus nach Ronneburg fuhr und die Halden sah, wusste: Ich bin bald zu Hause.
Mit der Wiedervereinigung endete schlieĂlich auch der Uranerzbergbau durch die Wismut. Damit ging ein einschneidendes Kapitel in der Geschichte der Stadt zu Ende. Doch war es wirklich ein Ende?
Die Bergbauanlagen wurden saniert, die Stadt hat sich gewandelt, der Lebensalltag der Ronneburger verĂ€ndert. Die sichtbaren Spuren des Bergbaus verblassen langsam, verschwunden sind sie aber nicht. Doch einiges ist anders: Die Wismut fiel als groĂer Arbeitgeber weg. Dort, wo einst der Tagebau lag, findet man heute die Neue Landschaft. Weitere Informationen dazu finden Sie an der Station Sanierung. Einiges ist jedoch geblieben: Ronneburg ist immer noch Radonvorsorgegebiet, das Grundwasser wird tĂ€glich kontrolliert. Die Stollen unter der Stadt wurden geflutet, bleiben aber bis heute ein verzweigtes Netz an SchĂ€chten. Mit der Sanierung wurden die Halden verfĂŒllt und abgedeckt - der belastete Abraum bleibt.
Auch wenn der Uranerzbergbau viele Jahre zurĂŒckliegt, stellen seine Folgen eine Aufgabe fĂŒr die Ewigkeit dar. Auch die Erinnerungen der Ronneburger an den damaligen Lebensalltag bleiben. Ihren Geschichten zuzuhören ist wichtig. Nur so kann man verstehen, wie Ronneburg zu dem geworden ist, was es heute ist.
Kegelhaldenmodell des Modelleisenbahnclub Weida e.V. im Wismut*Objekt 90.
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