Die Zweifelsmühle war eine von mehreren Mühlen im Gessental. Seit 1920 war sie im Besitz der Familie Günther, welche die Mühle betrieb und bewohnte. Mit dem Uranerzbergbau der Wismut und dem Haldenrutsch von 1966 wurde die Familie Günther umgesiedelt und die Zweifelsmühle Ende 1967 abgerissen. Was ist von der Zweifelsmühle geblieben? Wie trägt der Gedenkort, an dem die Mühle einst stand, heute zu ihrer Erinnerung bei?
Intro schon gehört?
Sie möchten wissen, welche Geschichte hinter dem WALK steckt und wie Sie ihn bedienen können? Hier können Sie sich eine Einführung anhören und danach zur Station zurückkehren.
Zweifelsmühle_Sound
Fluss [BBC Sound Effects: Rivers - Small river running over rocks - 1974 (1W6, reprocessed)]
Getriebe der Mühle [BBC Sound Effects: Grinders: Stone Wheels - Interior, on 1st floor - mill grinds grain with tail stones, mill stops]
Einspeisen von Korn [BBC Sound Effects: Water Mills - Corn loaded into box above mill stones prior to grinding]
Siebmaschine [BBC Sound Effects: Water Mill - Water Mill, shaker separates grain from wheat]
Baugeräusche Teil 1[BBC Sound Effects: Bridge Building: London Bridge - Mobile cranes and general atmosphere. (Construction of London Bridge, 1969)]
Baugeräusche Teil 2 [BBC Sound Effects: Mining(pneumatic drills)]
Natur der Neuen Landschaft [Eigene Aufnahme: ZOOM0015_LR]
Interview Pohle Teil 1-6 [Eigene Aufnahme: Interview_Pohle]
Der Gessenbach fließt. Sein Wasser treibt das große Mühlrad an. Während das Getriebe rattert, entleert der Müller einen Getreidesack in einen Trichter. Das Korn trifft auf den tonnenschweren Mahlstein, der sich dreht und dreht. Und nach mehreren Durchgängen Mahlen und Sieben ist das Mehl fertig.
Genau hier, wo Sie jetzt stehen, hat es sich früher so oder so ähnlich angehört. Denn auf der gegenüberliegenden Seite des Gessenbachs stand eine Mühle: Die Zweifelsmühle. Ihren Namen verdankt die Mühle dem Gessenbach, der früher auch Zweifelbach genannt wurde. Die Zweifelsmühle gehört also zum Gessental. Aber wo ist die Mühle heute hin?
Vor Ihnen liegt ein Tatort. Suchen Sie Ihre Umgebung nach Hinweisen ab: Was ist mit der Zweifelsmühle passiert? Pausieren Sie gerne kurz das Audio und erkunden Sie den Ort. Falls Sie nicht vor Ort sind, finden Sie passende Bilder auf unserer Website.
Mühlstein und Mühlradwelle erinnern daran, dass hier früher eine Mühle stand. Von der Zweifelsmühle stammen sie aber nicht. Sie sind die Überreste der Steinmühle, die weiter stromaufwärts des Gessenbachs stand. Aber warum liegen die Überreste der Zweifelsmühle nicht hier? Stand die Mühle doch woanders?
Tatsächlich lag die Zweifelsmühle genau an dieser Stelle des Gessenbachs. Das machen auch die beiden Gedenktafeln deutlich. Sie weisen aber darauf hin, dass die Zweifelsmühle in den 1960er Jahren abgerissen wurde: Aber warum wurde die Mühle zerstört? Was hatte die Wismut damit zu tun? Und welche Folgen hatte die Zerstörung für die Menschen, die in der Zweifelsmühle gelebt haben?
"Das war mein Zuhause hier. Die Mühle. Meine Großeltern haben hier gewohnt, wir haben hier gewohnt." (Renate Pohle)
Die Stimme, die Sie gehört haben, stammt von Renate Pohle. Ihr Großvater - Willi Günther - war der letzte Besitzer der Zweifelsmühle. Dort hat Frau Pohle gemeinsam mit ihrer Familie auch ihre Kindheit verbracht. Weil sie in der frühen Nachkriegszeit geboren wurde, hat sie hautnah miterlebt, wie sich Ronneburg, das Gessental und die Zweifelsmühle durch die Wismut verändert haben. Im Rahmen unserer Recherchen in Ronneburg konnten wir mit Frau Pohle und ihrem Mann sprechen. Sie berichtete uns von der Zerstörung der Zweifelsmühle und den Folgen für ihre Familie. Ihre Erzählungen sollen hier mehr Raum bekommen.
Die Perspektive von Frau Pohle ist natürlich nur eine von vielen. Aber als Zeitzeugin haben ihre Erinnerungen einen besonderen Wert. Auch das Schicksal der Zweifelsmühle ist nur eine von vielen unbekannten, aber erzählenswerten Geschichten aus dem Gessental. So gab es hier neben der Zweifelsmühle noch fünf weitere Mühlen. Die meisten von ihnen waren aber bereits in der Nachkriegszeit stillgelegt und teilweise zu Ausflugslokalen umfunktioniert worden. Heute existiert hier keine Mühle mehr.
Doch die Zweifelsmühle blieb lange in Betrieb, auch nach dem Krieg. Sie war für die damaligen Verhältnisse sogar modern ausgestattet mit einer Wasserturbine, einem Elektromotor, einem Dieselgenerator und einer chemischen Anlage. Außerdem gehörte zur Zweifelsmühle ein Vierseitenhof mit einem Mühlengebäude, einem Seitengebäude, einer Scheune und auch einem Wohnhaus. Die Zweifelsmühle war also nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern auch ein Zuhause. Die Familie Günther betrieb und bewohnte die Mühle, nachdem sie 1920 in ihren Besitz gekommen war. Mit der Entstehung der Wismut in der Nachkriegszeit wurde aber alles anders.
"Das ist ja alles weggekommen. Das waren alles schwarze Haufen […] Die ganzen Sachen wurden hier weggemacht, waren nicht mehr da, sind nicht mehr da." (Renate Pohle)
Der Uranerzbergbau der Wismut hat das Gessental dramatisch verändert: Aus einer Naturlandschaft wurde eine leblose Haldenlandschaft, eine Zugstrecke musste verlegt werden und ganze Ortschaften verschwanden. Mehr über das Gessental erfahren Sie an der Station Drachenschwanzbrücke.
Mit dem Bergbau kam auch das Ende der Zweifelsmühle: Sie ging in den Besitz der Wismut über und musste ihren Betrieb einstellen. Nach einem Haldenrutsch 1966 im Gessental wurde die Zweifelsmühle dann Ende 1967 abgerissen.
Für die Familie Günther war das ein schwerer Schicksalsschlag. Sie verlor ihren Arbeitsplatz, ihre Wohnung und damit ihr Zuhause. Die Wismut enteignete sie und zwang sie zur Umsiedlung. Die Großeltern von Frau Pohle wurden zwar entschädigt und bekamen eine Neubauwohnung in der Wismut-Siedlung Gera-Bieblach. Doch ihr Zuhause hatten sie für immer verloren. Währenddessen mussten Frau Pohle, ihr Bruder und ihre Eltern auf dem Dachboden ihrer anderen Großeltern in Ronneburg unterkommen.
"Da haben wir aber im Dachboden geschlafen, zu viert, mit den Eltern. Eine Hitze. […] Wir haben ausgehalten." (Renate Pohle)
Durch die Enteignung durfte die Familie Günther auch ihren Besitz aus der Zweifelsmühle nicht mehr retten. Frau Pohle und ihr Mann erinnern sich, dass stattdessen Plünderer Teile der Einrichtung gestohlen hatten.
"Wer das alles geholt hat, Fenster, Türen, Einrichtung -
Und die haben da geklaut.
[…] Ihr seid entschädigt worden, und ihr durftet da auch nicht selber, nichts holen. Geklaut haben das aber die anderen -
Die anderen haben dass dann geklaut, aber wir…" (Wolfgang und Renate Pohle)
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blickt Frau Pohle heute auf ihre Kindheit zurück. Als Kind fiel es ihr schwer, die Zerstörung der Zweifelsmühle richtig zu begreifen. Aber es war ihr schon damals klar, dass ihre Großeltern unter der neuen Situation gelitten haben.
"Meine Oma hat schonmal geweint oder so -
Dein Opa, der Günther Opa ist dann zugrunde gegangen.
Der ist gestorben -
Der hat das nicht verkraftet. Weiß nicht zwei Jahre hat der noch in Gera gelebt in der Wohnung." (Wolfgang und Renate Pohle)
Familie Günther war gezwungen, mit ihrer neuen Lebenssituation zurechtzukommen. Sie mussten einen neuen Arbeitsplatz suchen, ein neues Zuhause finden und das alte Leben hinter sich lassen. Denn die Zweifelsmühle war für immer verschwunden.
Sprung in die Gegenwart. Deutschland ist wiedervereinigt. Die SDAG Wismut ist Geschichte. Die neue Wismut GmbH soll die Orte des Uranerzbergbaus sanieren. Im Rahmen der Bundesgartenschau 2007 entsteht die Neue Landschaft und das Gessental wird renaturiert.
Mehr Informationen dazu finden Sie an der Station Sanierung.
Frau Pohle nutzt heute gerne die Neue Landschaft. Bei einem Spaziergang ist sie dann plötzlich auf den Mühlstein gestoßen. Sie war überrascht, aber auch glücklich, dass an die Zweifelsmühle gedacht wurde:
"Na wir haben uns gefreut. Wir haben uns gefreut, dass das kommt. Und ich hatte die Devise, was sie versaut haben, mussten sie wieder in Ordnung bringen, Fertig, Strich. Und das hat ja geklappt." (Renate Pohle)
Frau Pohle begrüßt, wie das Gessental saniert und das Schicksal der Zweifelsmühle aufgearbeitet wurde. Wenn sie als Betroffene zufrieden ist, braucht es dann überhaupt noch eine weitere Überarbeitung des Gedenkorts?
Im jetzigen Zustand wird die Zerstörung der Zweifelsmühle nur oberflächlich thematisiert. Auch sind die Mühlenüberreste verwirrend, da selbst Frau Pohle überzeugt war, dass der Mühlstein von ihrer Zweifelsmühle stammen würde. Man verpasst es auch, das Leid der Familie Günther anzusprechen und mit ihrer Geschichte ein Beispiel zu setzen. Denn ihr Schicksal war kein Einzelfall: Viele waren von der Wismut betroffen und mussten auch ihre Heimat aufgeben.
Am Ende bleiben viele Fragen offen: Warum wurde Frau Pohle als Betroffene nicht in die Gestaltung miteinbezogen? Sind alle Überreste der Zweifelsmühle verschollen? Und wie kann eine angemessene Überarbeitung des Gedenkorts aussehen?
Haben Sie Antworten auf diese Fragen? Dann schreiben Sie uns gerne eine E-Mail an audiowalk.uniregensburg@gmail.com. Wir freuen uns auf Ihre Hinweise und Ideen!
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